Kriege und Frieden

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Wir haben mehr Tage in Saigon verbracht als geplant, da uns das Unwetter in Hue und Hoi An einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Wir bedauern es zwar sehr, diese beiden faszinierenden Städte nicht live erlebt haben zu können, doch konnten wir den Überschwemmungen mit all den negativen Folgen entfliehen. Die Bevölkerung musste dort bleiben und ausharren und bereits ist der nächste Taifun im Anmarsch. Obwohl die Regenzeit seit Mitte Oktober vorüber sein sollte. 

Bei unserem ersten Aufenthalt Ende Oktober in Ho Chi Min City, dem ehemaligen Saigon, haben wir die traditionelle historische Tour rund um den Vietnamkrieg gemacht: Tunnel von Cù und das Kriegsmuseum.

Warum wir erst jetzt darüber berichten? Weil wir unsere zum Teil kritischen Gedanken nicht während unserer Reise durch Vietnam veröffentlichen wollten. Und einen kommentarloser Bericht über diese Besichtigung wollten wir nicht. 

Die Vietnames/innen sind ein Volk, das praktisch immer von fremden Mächten beherrscht worden ist. Die längste und prägendste Phase waren die Chinesen präsent, von 111 v. Chr. bis 939 n. Chr., also etwa 1000 Jahre. Weitere, kürzere Besetzungen gab es im 15. Jahrhundert. 

Als Kolonialmacht beherrschte Frankreich Vietnam von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1954. 1887 wurde Vietnam zusammen mit Kambodscha und Laos zur „Union Indochina“ zusammengeschlossen. Die französische Herrschaft endete 1954. Die Vietnamesen siegten unter der Führung von Ho Chi Min und seinen Mitstreiter/innen. Der Genfer Friedensvertrag besiegelte die Unabhängigkeit Vietnams. Ho Chi Min wird noch heute verehrt – vor allem in Norden. Überall sind Plakate und teilweise meterhohe Statuen zu sehen. 

Die Kolonialherrschaft hat bis heute sichtbare Spuren hinterlassen, in der Architektur und im Städtebau, beispielsweise in Hanoi und Saigon mit ihren breiten Boulevards, Villen im französischen Stil, Opernhäuser und Kathedralen. Die französische Sprache wurde früher viel gesprochen. Sie wird heute vom Englischen verdrängt.

Auch in der vietnamesischen Küche ist der französische Einfluss spürbar: Die Baguettes wurden zum „Banh mi, der Kaffee wurde eingeführt, ebenso wie das Paté.

Für die Vietnames/innen gab es keine Verschnaufpause. Unmittelbar nach dem Unabhängigkeitsabkommen folgte der Vietnamkrieg. Er dauerte von 1955 bis 1975 und wird auch oft als Stellvertreterkrieg des damaligen Kalten Krieges bezeichnet. Die Kommunisten im Norden (Hanoi) wurden von China und der Sowjetunion unterstützt, der Süden von den USA. Es war ein brutaler Krieg (welcher Krieg ist schon nicht brutal …), der 3 bis 4 Millionen Tote (!!!) forderte, die nicht alleine den Waffen zum Opfer fielen, sondern auch verhungerten oder an Krankheit starben. 

Junge, unerfahrene amerikanische Soldaten wurden damals nach Vietnam geschickt, die auf die tropische Hitze, die Sümpfe und vieles mehr nicht vorbereitet waren. Die Vietnamesen waren geschickt, bauten ein ausgeklügeltes Höhlensystem auf, setzten die Waffen, Instrumente und Gegenstände der US-Armee, die sie fanden oder eroberten hatten, geschickt ein oder bauten sie um. Clever nutzten sie ihr grosses Wissen über die Gegenden sowie ihren eher kleinen Körperbau aus.

Die Amerikaner waren in Bezug auf die Waffen den Vietnamesen hoch überlegen. Von 1961 bis 1971 setzten sie grossflächig Agent Orange, ein chemisches Entlaubungsmittel, ein. Mit der Absicht, den dichten Dschungel zu vernichten und so den Vietcong-Kämpfern ihre Deckung zu nehmen. Die furchtbaren Folgen waren Krebserkrankungen und gravierende Missbildungen sowie Nervenschäden bei den Menschen. Viele Kinder der zweiten und dritten Generation leiden bis heute unter schweren Behinderungen.

Es wird geschätzt, dass rund drei Millionen Vietnames/innen direkt davon betroffen waren. Die USA anerkannte erst Jahrzehnte später eine Teilverantwortung und leistete nur sehr begrenzte Entschädigungen an die betroffenen US-Veteranen, nicht aber an die vietnamesischen Opfern.

Weltweit gab es viele Friedens-Proteste gegen den Vietnamkrieg. Im Kriegsmuseum sind Zeitungsausschnitte zu sehen, so auch von Genf. 

1975 zogen sich die Amerikaner fluchtartig zurück und überliessen die Südvietnamesen ihrem Schicksal. Der Norden hatte gesiegt. Seither wird Saigon übrigens Ho Chi Min genannt. 

Wir alle waren zutiefst von dem Gesehenen betroffen. Einmal mehr wurde uns vor Augen geführt, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind und dies aus Machtgründen. Wir haben aus der Vergangenheit nichts gelernt. In vielen Ländern herrscht ein unerbittlicher Krieg.

Etwas ist uns bei der Besichtigung des Tunnelsystems schräg eingefahren: Am Ende der Tour, beim Café und Souvenirladen, konnte in einem Schiessstand gegen Bezahlung geschossen werden. Dieses Angebot wurde rege benutzt, so dass die Schussgeräusche weit herum zu hören waren. In dieser Umgebung, bei dieser Thematik total unpassend. 

P.S. 2025 wird in Vietnam doppelt gefeiert: 80 Jahre Freiheit von den Franzosen und 50 Jahre Wiedervereinigung

Das Ende des Krieges liegt 30 Jahre zurück. Noch immer spürt man die Distanz zwischen Nord und Süd. Eine Diskussion zu diesem Thema war allerdings praktisch nicht möglich. Auch findet man beispielsweise im Reiseführer Lonely Planet viele Informationen zu den Kaisern, zur Kolonialisierung, doch der Vietnamkrieg ist eigentlich nicht präsent. Es werden einzig die damit verbundenen Sehenswürdigkeiten beschrieben. 

Einer unserer Guides – kein offizieller – erzählte uns engagiert über die Situation derjenigen Personen, die den Kommunismus nicht aktiv unterstützen. Diese Person ist in Saigon tätig und sagte uns, dass man es schulisch schwieriger habe weiterzukommen und dass es für Unternehmen herausfordernder sei. Die China-Befürworter würden bevorzugt. Auch kritisierte er den zunehmenden Einfluss Chinas in Vietnam. So plant China – ähnlich wie in Laos – eine Seidenstrasse-Schnellbahn. 

Das pure Gegenteil war unser Guide Tiger in der Halongbucht. Er machte fast eine Gehirnwäsche, forderte die Gäste auf dem Schiff auf, die vietnamesische Nationalhymne zu singen (Stefan und Claudia machten nicht mit) und lobte sein Land. Er sagte beispielsweise auch, dass es keine Armut in Vietnam gebe.

Andere Guides liessen sich kein Statement entlocken. Sie wichen aus oder äusserten nur geringe Kritik – positive wie negative – durch die Blume. 

Vietnam befindet sich wirtschaftlich in Aufwärtstrend. Hoffen wir, dass dieser anhält, dass dieses Land von keiner äusseren Macht beherrscht werden wird (auch wirtschaftlich nicht) und dass die Menschen in Frieden miteinander leben können. Es ist diese freundlichen, emsigen Vietnames/innen zu gönnen!

P.S.1: Teil der Tour war auch der Besuch des alten Postamts in Saigon. Selbstverständlich haben wir Karten verschickt. 😊

Zudem haben wir eine Produktionsstätte besucht, in welcher Menschen mit einer Einschränkung beschäftigt werden, u.a. auch Personen, die noch unter den Orange-Sprühungen leiden. Dort werden auf beeindruckende Weise Bilder beispielsweise aus verschiedenen Eierschalen hergestellt. Leider werden die Werke zum Schluss noch lackiert. Wir haben ein solches Bild gekauft, allerdings eines ohne Lack. 😉

Den krönenden Abschluss bildete ein Nachtessen in einer Skybar. Das Essen war naja, ebenso die Bedienung. Aber die Aussicht war genial!

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